← Zurück zum Graph
Data Exchange Digitalisierung 18. Oktober 2026 · 10 Min. · DE

Beyond the BIM File – vom digitalen Modell zum digitalen Unternehmen

In den letzten Jahren ist unglaublich viel passiert. Besonders die rasanten Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz bringen ständig neue Technologien, Möglichkeiten und eine regelrechte Informationsflut mit sich.

Bei all dieser Geschwindigkeit frage ich mich allerdings immer öfter, ob wir uns noch ausreichend Gedanken darüber machen, welches Problem wir in AEC eigentlich lösen möchten (und müssen). Egal was wir tun, der nächste Schritt scheint häufig logisch und vorprogrammiert – schließlich „macht man das so“. Doch ist er das wirklich?

Ich merke immer wieder, dass viele in der AEC-Industrie glauben, die digitale Transformation sei so gut wie abgeschlossen, nur weil sie erfolgreich mit hochdetaillierten BIM-Modellen arbeiten und auch schon die ersten Schritte Richtung AI Anwendungen machen.
Doch warum kämpfen wir dann so oft noch mit denselben Problemen wie vor 10-15 Jahren? Informationen kommen zu spät, Modelle müssen aufwendig koordiniert werden und bei jedem Übergang zwischen zwei Projektbeteiligten geht ein Teil der Informationen verloren. Wie passt das zusammen?

Ich möchte deshalb kurz etwas ausholen. Auch wenn wir die Geschichte von CAD und BIM schon oft gehört haben, finde ich es wichtig, uns noch einmal in Erinnerung zu rufen, wie alles anfing.

Vom Papier zum digitalen Aktenschrank

Der Wechsel vom Zeichenbrett zu CAD war zweifellos ein großer Schritt. Später kam BIM hinzu und aus einzelnen Linien wurden intelligente Bauteile mit Geometrie, Eigenschaften und Beziehungen. Doch ein grundlegendes Prinzip haben wir dabei erstaunlich wenig verändert: Wir denken weiterhin in Dokumenten und Dateien.
Früher haben wir einen Plan verschickt. Heute verschicken wir eine Datei im RVT-, DWG- oder IFC-Format. Die Datei ist umfangreicher, intelligenter und enthält wesentlich mehr Informationen – aber das Prinzip dahinter ist im Grunde dasselbe.

Ein BIM-Modell wird dadurch schnell zu einer Art digitalem Aktenschrank: Um an einige wenige Informationen zu gelangen, müssen wir zunächst den gesamten Schrank transportieren.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Ein Stahlbauer benötigt vielleicht nur bestimmte Bauteile inklusive Geometrie, Material und einigen wenigen Parametern. Warum sollte er dafür ein komplettes 1 GB großes Modell herunterladen, öffnen und anschließend die für ihn relevanten Informationen herausfiltern?

Aus Sicht unseres klassischen BIM-Workflows ist das völlig normal.

Aus Sicht eines datengetriebenen Workflows ist es eigentlich ziemlich absurd.

Digitalisierung ist nicht gleich digitale Transformation

Genau hier liegt für mich der entscheidende Unterschied zwischen einem Unternehmen, das digitale Werkzeuge nutzt, und einem echten Digital Enterprise.

Digitale Transformation bedeutet nicht einfach, bestehende Prozesse mit neuer Software schneller auszuführen. Wenn ich einen analogen Prozess nehme und ihn eins zu eins in eine Software übertrage, habe ich ihn digitalisiert – aber nicht unbedingt verbessert. Die spannendere Frage lautet daher:

Wie würden wir diesen Prozess gestalten, wenn Daten von Anfang an unser Ausgangspunkt wären?

Und damit verändert sich auch die Rolle unseres BIM-Modells. Das Modell ist dann nicht mehr zwangsläufig das Paket, das von A nach B transportiert werden muss. Es wird vielmehr zu einer Quelle von strukturierten Informationen, aus der unterschiedliche Beteiligte genau jene Daten beziehen können, die sie für ihre jeweilige Aufgabe benötigen.

The Dualarity – Customer at the Heart, People as the Soul, Digital as the Oxygen

Ein interessantes Konzept, das sehr gut zu dieser Diskussion passt, stammt von Olivier Van Duüren. In seinem Buch The Dualarity: Tap Into the Energy of Your Personal and Business Transformation aus dem Jahr 2016 beschäftigt er sich mit der Frage, wie Unternehmen erfolgreich bleiben und sich gleichzeitig weiterentwickeln können.

Sein Ansatz basiert u.a. auf drei miteinander verbundenen Prinzipien:

  • Customer at the Heart: Der Kunde und seine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt.
  • People as the Soul: Menschen, ihre Fähigkeiten und die Unternehmenskultur ermöglichen die Veränderung.
  • Digital as the Oxygen: Digitale Technologien sind kein zusätzliches Werkzeug, sondern ein grundlegender Bestandteil des Unternehmens.

Alle drei sollten auf einen gemeinsamen Purpose ausgerichtet sein – also auf die Frage, warum wir etwas tun und welchen Mehrwert wir damit schaffen möchten.

Was mir an diesem Ansatz besonders gefällt, ist die Erkenntnis, dass Technologie allein nicht ausreicht. Wir können noch so viele neue Tools und Plattformen einführen – solange wir nicht gleichzeitig unsere Prozesse, Zusammenarbeit und Denkweise hinterfragen, bleibt der eigentliche Mehrwert begrenzt.

Schauen wir uns daher an, wie sich diese drei Prinzipien auf unsere AEC-Workflows übertragen lassen.

Customer at the Heart – der „Kunde“ im Mittelpunkt

Wenn wir über Kundenfokus sprechen, denken wir im AEC-Kontext meistens an Bauherren oder spätere Gebäudenutzer. Bei Daten-Workflows lohnt es sich allerdings, diesen Begriff etwas weiter zu fassen – denn auch der Tragwerksplaner, die Kostenplanung, der Stahlbauer oder das Baustellenteam sind Konsumenten unserer Daten. Und jeder von ihnen benötigt etwas anderes.
Der Tragwerksplaner interessiert sich vielleicht für bestimmte geometrische und analytische Informationen. Die Kostenplanung benötigt Mengen und Klassifikationen. Der Hersteller braucht wiederum sehr konkrete Produkt- und Fertigungsinformationen. Trotzdem geben wir heute häufig allen Beteiligten dasselbe: das komplette Modell.

Ein datenbasierter Workflow dreht diese Logik um. Statt zu fragen:

„Welche Datei kann ich euch geben?“

fragen wir:

„Welche Informationen benötigt ihr für eure Aufgabe?“

Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied, verändert aber die Architektur unserer Workflows fundamental.

Denn plötzlich steht nicht mehr das Authoring Tool oder das Dateiformat im Mittelpunkt, sondern der tatsächliche Bedarf des Datenkonsumenten.

Digital as the Oxygen – Daten müssen fließen können

Besonders spannend finde ich Van Duürens Analogie von Digital als Sauerstoff eines Unternehmens.

Sauerstoff ist lebensnotwendig, auch wenn wir ihn meistens gar nicht bewusst wahrnehmen. Er muss überall dorthin gelangen können, wo er benötigt wird. Genau so sollten digitale Technologien in einem modernen Unternehmen funktionieren: nicht als isolierte Lösungen für einzelne Abteilungen, sondern als selbstverständlicher Bestandteil sämtlicher Prozesse.

Ich finde diese Analogie gerade für AEC sehr passend.

Denn wenn wir uns unsere heutigen Daten-Workflows ansehen, stoßen wir regelmäßig auf Hindernisse:

  • proprietäre Dateiformate und unterschiedliche Datenstrukturen
  • manuelle Im- und Exporte
  • projektspezifische Skripte
  • redundante Kopien derselben Information
  • fehlender Kontext zwischen verschiedenen Systemen

Wir haben damit nicht unbedingt zu wenig Daten. Wir haben eher ein Problem damit, wie wir sie zugänglich machen und zwischen Systemen austauschen.

Und genau hier wird für mich der Unterschied zwischen einem Unternehmen, das digitale Werkzeuge nutzt, und einem Digital Enterprise besonders deutlich.
In einem traditionellen Workflow liegen Informationen in verschiedenen Anwendungen und Dateien. Wir müssen sie zunächst exportieren, konvertieren oder manuell zusammenführen, bevor wir sie an anderer Stelle nutzen können.
In einem datengetriebenen Workflow sollten Informationen dagegen möglichst unabhängig von der ursprünglichen Anwendung verfügbar sein.

Genau deshalb finde ich granulare Daten so interessant. Anstatt komplette Dateien zwischen Systemen zu bewegen, können wir gezielt jene Elemente und Eigenschaften bereitstellen, die für einen konkreten Workflow benötigt werden. Ein Bauteil muss dann nicht mehr zwangsläufig in einer bestimmten Datei „wohnen“, damit andere Systeme darauf zugreifen können.

Ein Beispiel dafür ist Autodesk Data Exchange, mit dem sich ausgewählte Modellinformationen als strukturierte Daten bereitstellen und über entsprechende Schnittstellen in anderen Anwendungen nutzen lassen.

Natürlich bedeutet das nicht, dass alle Informationen automatisch und in Echtzeit zwischen sämtlichen Anwendungen synchronisiert werden. Aktualisierung, Berechtigungen und unterstützte Datenstrukturen hängen weiterhin vom jeweiligen Workflow und den verwendeten Schnittstellen ab.

Trotzdem verändert sich damit ein grundlegendes Prinzip:

Wir tauschen nicht mehr zwangsläufig Dateien aus, sondern die Informationen, die wir tatsächlich benötigen.

Das ist für mich einer der wichtigsten Schritte weg von dateibasierter Interoperabilität hin zu echter Dateninteroperabilität.

Das Modell verschwindet dadurch nicht

An dieser Stelle ist mir allerdings eine Sache wichtig: Das bedeutet nicht, dass BIM-Modelle oder Dateien plötzlich überflüssig werden. Ein Revit-Modell erfüllt beispielsweise viele Aufgaben gleichzeitig. Es ist Arbeitsumgebung, Datenbank, geometrisches Modell, Dokumentationsgrundlage und in vielen Fällen auch Teil unserer Qualitätssicherung. Für bestivielemte Prozesse ist genau diese Kombination sehr sinnvoll.
Problematisch wird es erst dann, wenn wir automatisch davon ausgehen, dass jede Information immer gemeinsam mit der kompletten Datei transportiert werden muss.

Und übrigens: Das gilt nicht nur für proprietäre Formate. Auch ein offenes Format wie IFC basiert in klassischen Austauschprozessen häufig auf der Übergabe einer vollständigen Datei. Granulare Daten und klassische Modelle sind deshalb für mich keine Gegensätze.

Wir brauchen beides – die eigentliche Frage ist nur, welches Informationspaket für welchen Anwendungsfall sinnvoll ist.

People as the Soul – Technologie allein reicht nicht

Und dann gibt es noch einen Punkt, den wir bei technischen Diskussionen gerne unterschätzen: Menschen. Van Duüren bezeichnet sie als die Seele des Unternehmens – und das aus gutem Grund.

Wir können die perfekte Datenplattform, API oder Cloud-Infrastruktur bauen – wenn die beteiligten Teams ihre Prozesse nicht anpassen können oder wollen, wird daraus trotzdem kein besserer Workflow.
Gerade in AEC haben wir unsere dateibasierten Prozesse über Jahrzehnte optimiert.

Wir wissen, wann ein Modell geprüft wird. Wir wissen, wer eine Datei freigibt. Wir wissen, welche Version vertraglich relevant ist und wie wir Änderungen dokumentieren. Das sind keine unwichtigen Details – im Gegenteil.

Wenn wir von Dateien zu granularen, aktualisierbaren Daten wechseln, müssen wir deshalb auch neue Antworten auf bekannte Fragen finden:

  • Wer ist für eine Information verantwortlich?
  • Welche Version ist gültig?
  • Wer darf Daten verändern?
  • Wie erkennen wir Änderungen?
  • Wie dokumentieren wir Freigaben?
  • Welcher Kontext muss gemeinsam mit den Daten übertragen werden?

Gerade der letzte Punkt ist aus meiner Sicht besonders wichtig.

Denn Daten sind nur dann wirklich nützlich, wenn wir auch verstehen, was sie bedeuten und in welchem Zusammenhang sie stehen. Ein einzelner Parameterwert hilft uns schließlich wenig, wenn wir nicht wissen, zu welchem Bauteil er gehört, woher er stammt und ob wir ihm vertrauen können. Genau deshalb ist digitale Transformation aus meiner Sicht eben kein reines IT-Projekt.

Technologie kann den neuen Workflow ermöglichen. Funktionieren muss er am Ende allerdings für die Menschen und Prozesse dahinter.

Performing while Transforming – der Spagat zwischen heute und morgen

Damit kommen wir zurück zum eigentlichen Gedanken hinter The Dualarity. Van Duüren beschreibt die Herausforderung, gleichzeitig erfolgreich zu arbeiten und sich für die Zukunft weiterzuentwickeln.
Er unterscheidet dabei zwischen Performing, also dem erfolgreichen Betrieb unseres heutigen Geschäfts, und Transforming, also der Fähigkeit, bestehende Prozesse zu hinterfragen und neue Möglichkeiten zu entwickeln.

Und genau in diesem Spannungsfeld bewegen wir uns auch in der AEC-Industrie: Wir können schließlich nicht morgen sämtliche laufenden Projekte stoppen und unsere komplette Datenlandschaft neu bauen. Und das sollten wir auch nicht versuchen.

Der sinnvollere Weg ist aus meiner Sicht wesentlich pragmatischer: klein anfangen. Sucht euch einen wiederkehrenden Informationsfluss, bei dem heute besonders viel manueller Aufwand entsteht. Zum Beispiel der Austausch von Türlisten – wie häufig ändern sie sich, wer braucht sie, wie oft muss ein manueller Export erfolgen und können wir ihn z.B. mit Data Exchange oder dem AEC Data Model automatisieren? Und wenn wir damit erfolgreich sind, können wir auf dieser Erfahrung aufbauen.

Genau das bedeutet für mich Performing while Transforming: Wir verbessern unsere heutigen Prozesse und entwickeln gleichzeitig die Fähigkeiten, die wir morgen benötigen.

Beyond the BIM File

Vielleicht ist genau das der nächste große Schritt für BIM: Die Daten endlich aus der Datei zu befreien. Und dann fängt die eigentliche Reise erst an!

AI Disclaimer: Ich nutze Gemini Notebook, ChatGPT und Claude für Recherche und Brainstorming, sowie für die Erstellung von Grafiken, die finale Korrektur und die englische Übersetzung. Die Ideen für meine Artikel kommen allerdings meistens beim Sport und werden Sonntags beim Kaffee auf dem Sofa geschrieben! 🤓

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..