Der 9. BIM Anwendertag, organisiert jährlich von buildingSMART, fand am 24. Mai 2012 im Fraunhofer InHaus Zentrum in Duisburg statt und wurde dieses Jahr von der Hochtief ViCon unterstützt. Zwischen 10 und 17 Uhr stellten Spezialisten aus allen Bereichen der Bauwirtschaft ihre Erfahrungen mit Building Information Modeling vor. Neben vielen interessanten Gedanken und Anregungen war am Ende unter dem Strich eines klar: Deutschland hat noch einen langen Weg vor sich.

Gleich zum Anfang wurde die Entscheidung der britischen Regierung erwähnt, ab 2016 BIM als Pflicht für alle öffentlich beauftragte Projekte über 5 Mio € einzuführen.
In Deutschland – im Moment undenkbar. Die Vorträge sowie die anschließenden Diskussionen zeigen genauer, warum.

Im ersten Vortragsblock berichtete Dirk Schaper, Geschäftsführer der Hochtief ViCon, über den großen Erfolg von BIM im Nahen Osten. Hochtief ViCon ist ein softwareunabhängiger BIM-Berater, der sich auf kundenspezifische Systemintegration spezialisiert hat. Ein BIM-gestütztes Produktionssystem, bei dem alle Änderungen im gesamten Projektablauf in einer zentralen Datenbank abgeglichen werden, hätte bei richtiger Pflege den Berliner Flughafen vor dem großen Debakel bewahren können – dieser Punkt wird übrigens auch von anderen Vortragenden immer wieder aufgegriffen und bestätigt. Da der Grund für die Fertigstellungsverzögerung des Berliner Flughafens in erster Linie in inkonsistenter Planung zu liegen scheint, ist dieser Verdacht naheliegend. Doch für mich stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass während in Deutschland ansässige Unternehmen wie die Hochtief ViCon Großprojekte in Qatar erfolgreich betreuen, der Berliner Flughafen hingegen offenbar ohne richtiges BIM-Management zu einem Desaster wird? Kompetenz scheinen wir ja in diesem Land genügend zu haben, aber was nützt sie uns, wenn wir sie in erster Linie exportieren und “zu Hause” wie vor 20 Jahren bauen?
Die von Herrn Schaper vorgestellte mobile Dateneingabe für Abnahmen oder Fotodokumentationen, die auf der Baustelle über das iPad durchgeführt und automatisch mit dem zentralen Datenserver synchronisiert wird, zeigt auch nochmal sehr deutlich, dass der BIM-Ansatz nicht nur die Denkweise sondern auch das Ablagesystem fundamental verändert und nach erfolgreicher Umstellung auch wesentlich vereinfacht.
Wie auch jede andere größere Umstellung erfordert allerdings auch diese einen “Dirigenten” – in diesem Fall den BIM-Manager, der als Systemintegrator dafür sorgt, dass alle Vorteile des integrierten Datenmanagements auch genutzt werden. Diese Unterstützung reicht von Schulung der Mitarbeiter über Festlegung der Inhalte und Prozessdefinition bis hin zur Datenprüfung.

Im zweiten Vorlesungsblock erläuterte Mirjam Borowietz von der ZWP Berlin anhand des Musterprojekts Gesundheitscampus NRW, das mit dem Architekturbüro Léon Wohlhage Wernik durchgeführt wurde, den Einsatz von BIM für die Planung der Technischen Gebäudeausrüstung sowie den Datenaustausch über das IFC-Format in der Praxis. Bekannterweise gibt es keine “universale BIM-Software”, die alle Planungsbereiche abdeckt; zudem kann in der Praxis nicht davon ausgegangen werden, dass alle Planungspartner die Software des gleichen Herstellers einsetzen. Dies macht es besonders wichtig, das IFC-Format weiter zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass der Datenaustausch der komplexen Gebäudemodelle zuverlässig und einfach funktioniert.
Wie von Frau Borowietz anhand des sehr anschaulichen Beispiels dargestellt, funktionierte der Datenaustausch zum Ende des Projektes problemlos und der Lerneffekt war sehr wichtig für zukünftige Projekte und für alle Planungsbeteiligten. Wenn es um BIM geht, wird die Lernkurve in der Praxis oft unterschätzt – bedingt nicht nur durch neue Software sondern auch durch eine komplett neue Denkweise und noch verhältnismäßig wenig Referenzprojekte und erfahrene Anwender.

Der dritte Vortrag, der mich besonders beeindruckt hat, war der des Tiroler Baumeisters Anton Gasteiger und Gründers der b.i.m.m. GmbH – er fing seinen Vortrag mit den Worten an: “die katholische Kirche brauchte 400 Jahre, um von 2d auf 3d umzusteigen” und implizierte damit die Frage, wie lange wohl die Bauwirtschaft von 2d auf BIM brauchen wird. Herr Gasteiger ist zweifelsohne ein großer BIM-Enthusiast, der einfach ohne viel wenn und aber ins kalte Wasser gesprungen ist – und sich hervorragend an der Oberfläche hält. Sein Ansatz basiert auf dem Prinzip “what you model is what you get” und stellt sehr klar dar, dass wir eventuell etwas weniger über BIM reden und einfach mehr handeln sollten. Es ist unmöglich, alle Hürden vorherzusehen aber der Fortschritt braucht auch Mut, sich dieser Hürden anzunehmen.

Erwähnt werden sollte auf jeden Fall der Vortrag von Hans-Georg Oltmanns vom Büro Oltmanns & Part­ner und Professor an der Jade Hochschule in Oldenburg, der einige sehr interessante Denkanstöße brachte. Unter dem Motto “Wieviel Tradition verhindert Innovation” erläuterte er den Hauptgrund dafür, dass Deutschland im internationalen Vergleich auf dem BIM-Sektor noch weit im hinteren Feld liegt. Unter dem Strich kommt heraus: “Wer nichts wagt, wird nichts Neues entdecken”. Herr Oltmanns unterstrich auch nochmals die Wichtigkeit einer sauberen IFC-Schnittstelle und des BIM-Ansatzes allgemein mit der Begründung, dass Worte immer zweideutig bleiben – eine intelligentes Gebäudemodell hingegen kann nicht misinterpretiert werden.

 

Weiterführende Links:

www.baulinks.de – Bericht vom 9. BIM Anwendertag im Fraunhofer-inHaus-Zentrum

www.buildingsmart.de – Präsentationen zum Herunterladen im PDF Format